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Laibach "Opus Dei Revisited (2CD)"
Gut ein halbes Jahr ist es her, dass ich mich an dieser Stelle mit der remasterten Neuauflage des Laibach-Kult-Albums auseinandergesetzt habe. Am Ende stand die pure Begeisterung angesichts der standesgemäßen Restaurierung von "Opus die" und dem damit verbundenen Ohrenschmaus. Nun legt die slowenische Truppe noch einmal kräftig nach und ergänzt ihre Bandgeschichte um eine weitere innovative Episode. Diese teilt sich in zwei Kapitel, wobei im ersten das gesamte Werk von der Band selbst noch einmal neu interpretiert wird. Im zweiten Abschnitt holte man erneut den damaligen Produzenten Rico Conning ins Boot und ließ ihm die Freiheit, mit den Original Masterbändern neue Ansätze zu suchen.
Bereits mit dem Opener "Leben heißt Leben" bekommt der Hörer einen guten Eindruck davon, dass hier wirklich etwas Neues entstanden ist. Zum einen erklingen bekannte Sounds und Effekte und auch die ursprüngliche Komposition wurde nicht komplett auf den Kopf gestellt. Trotzdem erlebt man das Stück auf eine ganz andere Art. Die hinzugefügten Strukturen, aber natürlich auch der neue, teils opernhafte, weibliche Gesang fordern den Hörer auf ganzer Linie. Wird hier noch der experimentelle Teil stärker betont, kommt "Geburt einer Nation" im Anschluss ungleich beschwingter daher. Die Leichtfüßigkeit der neuen Synth-Spuren erhöht den Kontrast innerhalb der Komposition auf ungewöhnliche, aber doch erstaunlich gut funktionierende Weise. Zwischen diesen Polen (Experiment und Eingängigkeit) pendeln auch die weiteren Stücke. Es erscheint fast so, als ob die Band, ungenutzte Räume in den Kompositionen gefunden und betreten hätte, was zu einer absolut spannenden Hör-Erfahrung führt.
Spannend beginnt auch der zweite Teil des vorliegenden Pakets. Die ersten zwei Minuten von "Leben heißt Leben" entführen den erlebnishungrigen Besucher auf einen Jahrmarkt oder auch ein urtümliches Mittelalter-Fest. Unterbrochen wird dieses muntere Treiben von einem kleinen Gitarren-Inferno sowie apokalyptisch anmutenden Vokal-Eskapaden. "Geburt einer Nation" lebt danach analog zur Laibach-Neufassung ebenfalls von hinzugewonnenen Kontrasten. In diesem Fall werden der Gesang uriger, die Synth-Spuren dafür wärmer und vollmundiger interpretiert. Das ist mindestens genauso interessant, aber deutlich herausfordernder, weil eindeutig sperriger als das erste Kapitel. Dieser Eindruck wird auch im weiteren Verlauf bestätigt, der zeitweise wirklich ohrenbetäubend und krachig ausfällt. Die Extreme werden durch Herrn Conning noch mehr ausgelotet und stellen dadurch automatisch eine Hommage an die nie auf Nummer Sicher gehende Laibach-Diskographie dar.
Ich kann mir letztendlich gut vorstellen, dass es Menschen gibt, die angesichts dieser überarbeiteten Versionen und je nach persönlichen Vorlieben sogar einen besseren Zugang zu diesem Meisterwerk erhalten. Dabei kann man das natürlich nicht an einer höheren Eingängigkeit oder der Anpassung an aktuelle Hörgewohnheiten festmachen. Vielmehr werden das vorhandene Spektrum noch breiter und noch mal ganz andere Synapsen aktiviert. Für jene Fans, die nichts auf das Original kommen lassen, ist "Revisited" vielleicht wenigstens eine interessante Alternative. Als erfahrener Laibach-Hörer sollte man zumindest gelernt haben, mit unverhofften Herausforderungen umgehen zu können. (Torsten Pape)
Label Mute/PIAS | VÖ 13.12.2024 | Homepage www.facebook.com/Laibach/