-
Iggy Pop "Montreux Jazz Festival 2023 (CD/Blu-Ray)"
Iggy Pop ist eine Legende, daran besteht kein Zweifel. Ohne ihn und seine erste Band The Stooges wäre Punk anders verlaufen und die Musikwelt nicht die selbe. Die Palette seiner unzähligen Kult-Songs bzw. -Hits reicht von ruppigen Ausbrüchen der Marke "I wanna be your dog" oder "1969" bis hin zu eher gemäßigten Songs wie "Cry for love", "Livin‘ on the edge of the night", "Home", "China girl", "Candy" oder "The passenger". Das letztes Album "Every loser" aus dem Jahr 2023 knüpfte eindrucksvoll an alte Wut-Eskapaden an, konnte aber auch mit ruhigeren Tönen überzeugen. Daneben wartet der äußerst umtriebige Rocker jüngst mit gelungenen Kooperationen mit so unterschiedlichen Kollegen wie The Crystal Method, Jarvis Cocker, Clio, Danny Elfman, Underworld, Trevor Horn oder Måneskin auf. Aber auch sein 2019 erschienenes Werk "Free" soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, denn es ging eher in eine ruhige, dunkle Richtung, klang teilweise chillig, ja geradezu jazzig und war damit näher an Leonard Cohen als am Punk verortet. Vielleicht bildete es dadurch die Grundlage für die Einladung zum Montreux Jazz Festival und den vorliegenden Mitschnitt des dortigen Auftritts. Mit an Bord waren an diesem Tag standesgemäß eine kleine Bläsersektion sowie die Ausnahmegitarristin Sarah Lipstate (aka Noveller), welche dem Gig einen ganz eigenen Stempel aufdrücken. Wer den Altmeister auf dem Schirm hat, wird jedoch ahnen, dass es gewiss zu keinem entspannten Abend gekommen ist. Konzerte von Iggy Pop sind immer energetisch / ekstatisch und früher sogar von Selbstverletzungen, Stagediving bis zur völligen Entblößung geprägt. Natürlich hat Herr Osterberg (so sein bürgerlicher Name) heutzutage nicht mehr das ganz extreme Programm am Start, aber für Mitte 70 legt er noch einen beachtlichen Bewegungsdrang an den Tag. Auch die Oberbekleidung hat nicht lange Bestand, aber ob man gerade Letzteres als ästhetische Idee empfindet, muss jeder Zuschauer individuell entscheiden. Passt aber irgendwie auch zum Punk, der schließlich auch noch nie der gängigen Definition von Schönheit entsprach… Fun Fact: Auf dem Cover wurde der Alt-Rocker durch Bildbearbeitung von seinem kleinen Bauchansatz "befreit", was das beigefügte Original-Promo-Foto beweist. Selten war eine Kaschierung so fehl am Platz wie beim völlig schambefreiten, ja exhibitionistischen Auftreten dieses Künstlers.
Aber kommen wir zum Hauptbestandteil dieses Sets aus CD und Blu-Ray und das ist schließlich die Musik. Von Anfang an knallt es aus allen Ecken und Enden, denn die Tracklist besteht hauptsächlich aus Stooges-Songs. So feuert die perfekt eingespielte Truppe kraftvolle Kracher wie "I wanna be your dog", "Down on the street", "I‘m sick of you", "Search and destroy", "Gimme danger" oder "Raw power" ab. Der Maestro fegt dabei von einer Bühnen-Seite zur anderen und lässt auch den Graben davor nicht aus. Jedes zweite Wort der Ansagen ist "Fuck(-ing/-er)" und die Richtung Publikum ausgestreckten Mittelfinger gehören natürlich immer noch zum guten Ton. Dazwischen finden mit "Modern day ripoff" und "Frenzy" zwei brandneue Songs Platz, aber auch Solo-Klassiker wie "Five foot one", "The passenger" und "Nightclubbing" dürfen nicht fehlen. Bei "Lust for life" leistet sich Iggy beim donnernden Intro eine etwas unpassende Bemerkung ("I hope it‘s not Putin...") punktet aber im Folgenden damit, dass er einen jungen Teenager auf die Bühne holt und mit ihm zünftig abfeiert. Nach gut anderthalb Stunden sowie 17 Songs (ohne Intro) ist der musikalische Orkan vorbei und man entdeckt viele zufriedene Gesichter auf beiden Seiten des Bühnenrandes. (Torsten Pape)
Label Ear Music | VÖ 25.01.2025 | Homepage www.iggypop.com